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Abstracts

Speziesbezogene Menschenfeindlichkeit
Prof. Dr. Karl Braun (Marburg)

Die Rede vom Anthropozän, dem von der Spezies Mensch beeinflussten Erdzeitalter, wird begleitet von verschiedenen paradigmatischen Umbrüchen  in allen Wissenschaftsbereichen. Die zunehmende ökologische Krise (Fauna, Flora, Klima, Wasser, demographische Entwicklung) ruft auch nach sozialen und kulturellen Konzepten, die die Erhaltung des Planeten Erde als Gesamtheit ins Zentrum stellen. Strömungen unterschiedlichster Art und Motivierung – unter dem Schlagwort Überwindung des Anthropozentrismus – finden dabei zusammen.

In der Akteur-Network-Theory (Latour und Nachfolger) wird Tieren und Dingen eine gleichberechtigte Agency/ Handlungsmächtigkeit wie dem Menschen zugeschrieben; wer aber im „Parlament der Dinge“ das Wort wirkmächtig wird ergreifen können, bleibt unklar. In der Tierrechts- und Tierethik-Bewegung wird Lebensraum und Wohl der Tiere zunehmend über die Bedürfnisse der Menschen gestellt. Im Posthumanismus (Rosi Braidotti) soll der männlich geprägte Humanismus (= Anthropozentrismus) ausgehebelt werden: Die Bandbreite dabei reicht von einer neuen planetarischen Lebensphilosophie (Gaia, die Erde, als zoé – als ungestaltete Lebenskraft im Gegensatz zu biós) bis hin zu einer Lebenserweiterung durch maschinengeschaffene Wesen und zu einer Nekropolitik (vor der zoé sei der individuelle Tod unbedeutend und aussagelos). Post- und Transhumanismus gehen Hand in Hand; der Transhumanismus setzt auf Verbesserung des Menschen durch Verschmelzung des Körpers mit KI-Elementen (Cyborgs), auf Enhencement und Orthetik – Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit durch z.B. Exoskeltte und – unter der Vorgabe von Neura-Links – die Verschmelzung von Gehirn-Maschine-Computer zu unerhörtem Wissenszugang und damit zu höherem Bewusstsein. Auch der alte Traum, ewige Gesundheit und ewiges Leben werde durch Uploaden der geistig-intellektuellen Fähigkeiten ins Internet und der Aufbewahrung der wet ware (Körper) in den Tiefkühlfächern der Kryonik (auf dem Hintergrund eines stabilen Organlagers) bald möglich sein. Die rasche Entwicklung der Robotnik, sowohl der produzierenden wie der menschensimulierenden und Sprechreproduktion leistenden Maschinen (z.B. Pflegeroboter, aber auch Roboter Sophia mit Bürgerrecht in Saudi-Arabien oder RealDoll Harmony) machen Menschen immer überflüssiger, sowohl in industrieller Arbeit als auch im Dienstleistungsbereich.

Was diese -  in sich verschlungenen und sich z.T. widersprechenden – Entwicklungen für die Zukunft des Alltagslebens bedeuten werden, ist kaum abzusehen. Yuval Harari hat in „Homo Deus“ darauf hingewiesen, dass es sich in jedem Fall um elitäre, d.h. exkluierende Zusammenhänge handeln wird. Das ganze Feld dieser Zukunftsentwürfe ist, ohne dass dies offen ausgesprochen würde, von einer speziesbezogenen Skepsis, wenn nicht Aggression unterströmt. Für eine auf Ethik und Verantwortung setzende Zukunftsvision des Menschen gilt es, die sich abzeichnende speziesbezogene Menschenfeindlichkeit kritisch zu begleiten. Denn sollte diese propagandistisch auftreten, wird dies den jetzigen Weltzustand wiederholen: speziesbezogene Menschenfeindlichkeit würde das Nord-Südgefälle aufnehmen, aber auch die rassistischen Argumentationen und Strategien der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit fortführen. Horror-Szenario: Eine sich durch technologische Errungenschaften ins Übermenschliche katapultierende kleine Elite gegen den größten „Rest“ der Menschheit, der arm und dumm bleibt und zudem überflüssig wird. Als Witz des 21. Jahrhunderts kursiert im Internet: „Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen: Du siehst schlecht aus. Sagt der andere: Ja, ja, habe den Homo sapiens. Sagt der erste: Hatte ich auch mal. Geht vorbei.“ Da Planeten nichts sagen, sprechen wohl die im Jenseits des Homo sapiens verbliebenen Homo-Deus-Eliten. 

Im Vortrag bei der dgv-Hochschultagung in Bonn 2018 soll die allenthalben positiv illustrierte Zukunftsmusik dieser die Zukunft bedenkenden wissenschaftlichen Strömungen auf Rückseiten und Abgründe, d.h. auf nicht-intendierte, aber unter Umständen abzusehende Effekte untersucht werden.                                                       


Die Seestadt Aspern eine Stadt im Werden - Urbanität als Zukunftsversprechen 
Cornelia Dlabaja M.A. (Wien)

Der Beitrag befasst sich mit einem Ausschnitt meines Dissertationsprojekts in welchem Zukunftsängste, Hoffnungen, Versprechen und Imaginationen des Urbanen diskutiert werden. Gegenstand der Dissertation ist ein Stadtentwicklungsgebiet in Wien – die Seestadt Aspern welche auf der „grünen Wiese“ als neuer Stadtteil bis 2028 entsteht. Basierend auf Erhebungen die seit der ersten Besiedelungswelle 2015 stattfanden (Interviews mit AkteurInnen des Stadtteils, einer Medienanalyse, einer BewohnerInnenbefragung, visuellen     Repräsentationen und einem mehrmonatigem Feldaufenthalt im Stadtteil)wird eine akteuerszentrierte Analyse des Stadtteils „im   Werden“ vorgenommen. Die zentrale Forschungsfrage lautet „Wie wird städtische Öffentlichkeit von AkteurInnen, auf Ebene des  imaginierten, gelebten und konzipierten Raumes in der Seestadt Aspern produziert?“ Seit Beginn der Realisierung des Stadtteils schreibt sich der „Blick in die Zukunft“ in den Stadtraum in Form plakatierter Renderings, welche Bauvorhaben der nächsten Bauabschnitte ins Bild setzen, ein. „Zukunft“ wird in Erwartungen, Versprechen, Ängsten,  Projektionen und  Wünschen sowohl  in internen BewohnerInnenforen auf  Facebook, als  auch in Alltagsgesprächen diskutiert. Themenfelder die erörtert werden sind etwa die Angst vor dem Verlust der Überschaubarkeit, des Zusammenhalts in der Stadtgemeinschaft, oder der Frage wie sich die städtische Infrastruktur weiterentwickeln wird, aber auch alltägliche Sorgen wie jene um den „Gestank“ der von der benachbarten Autoindustrie hereingeweht wird und der Hoffnung darauf ob dieser Standort abwandern wird, werden zum Ausdruck gebracht. Die Renderings werden von der Entwicklungsgesellschaft der Seestadt als Werbung für die nächsten Bauabschnitte und potentielle InteressentInnen im Stadtraum  plakatiert. Eine weitere Leseart ist das diese – wenn auch nicht intendiert – den Blick der BewohnerInnen auf die Zukunft des Stadtteils lenken. Erwartungen die an den Stadtteil getragen werden und die mittels der Renderings schon im Prozess der Wohnungsvergabe  genährt wurden, konnten zum Zeitpunkt des Einzugs für viele nicht noch eingelöst werden. Die Visualisierungen der zukünftigen Seestadt zeigten eben diese Versprechen, nämlich einen belebten, stark genutzten, urbanen Stadtraum. Dem gegenüber steht gegenwärtig  eher das Gefühl mancher BewohnerInnen, in einer Kleinstadt oder einem urbanen Dorf gelandet zu sein. Für einen Teil der Bewohnerschaft ist das durchwegs der richtige Ort, das Lebensgefühl, das sie sich erhofft haben. Für jene die sich einen urbanen Stadtteil erhofft haben, kommt seitens der Verwertungsgesellschaft unermüdlich der Verweis auf die Zukunft und das damit verknüpfte Versprechen, dass der Stadtteil mit dem nächsten Bauabschnitt noch „urbaner“ wird. 

Literaturverweis (auszugsweise):

Adam, Brigitte (2014): Städtische Öffentlichkeit –öffentliche Stadträume. Bundesinstitut für Bau-, Stadt-und Raumforschung. Red.: Katina Gutberlet. BRSR-Berichte Kompakt 01/2014. 

 Arendt, Hannah(1981):Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper.

Adam, Jens/Vonderau, Asta (Hrsg.) (2014): Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder. Bielefeld: transcript.

Bonfadelli, Heinz/Blum, Roger/Imhof, Kurt/Jarren, Otfried (2008): Seismographische Funktion von Öffentlichkeit im Wandel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Binder, Beate (2009): Streitfall Stadtmitte: Der Berliner Schloßplatz. Köln, Wien:Böhlau.

Dlabaja, Cornelia(2016): DasWiener Brunnenviertel. Urbane Raumproduktionen:Eine Analyse des Wandels. Wien: New Academic Press.

Dlabaja, Cornelia/Reinprecht, Christoph/Stoik, Christoph/Kellner, Johannes/Kisch-Soriano da Silva, Katharina (2016): Besiedelungsmonitoring Seestadt Aspern. Eine Studie zu Wohnkultur und Wohnqualitätin der Seestadt. Forschungsbericht MA 50: Stadt Wien.

Kaschuba, Wolfgang (Hrsg.)(2015): Urbane Aushandlungen: Die Stadt als Aktionsraum. Berlin: Panama.Power. New York: Berghahn.

Frank, Susanne (2003): Stadtplanung im Geschlechterkampf. Stadt und Geschlecht in der Großstadtentwicklung des 19.und 20. Jahrhunderts. Opladen:Leske + Budrich.

Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lefèbvre, Henri (1991): The Production of Space. Oxford: Blackwell.

Siebel, Walter(Hrsg.)(2004):Die europäische Stadt.Frankfurt am Main:Suhrkamp.

Schmidt-Lauber, Brigitta (Hrsg.) (2013): Wiener Urbanitäten. Kulturwissenschaftliche Ansichten einer Stadt. Wien: Böhlau.

Shore, Chris/Wright, Susan/Però, Davide (Hrsg.) (2011): Policy Worlds: Anthropology and the Analysis of Contemporary Power. Oxford: Berghahn Books.

Wüst, Thomas (2004): Urbanität: Ein Mythos und sein Potential.1. Aufl. Wiesbaden: VSVerlag für Sozialwissenschaften.

 

Diskurse und Debatten im ländlichen Raum. Zukunftsfelder einer regionalen Kulturanalyse
Dr. Simone Egger (Klagenfurt)

Ebenso vielfältig wie die Entwicklung ländlicher Räume sind die Fragestellungen, die sich daran aus einer kulturanalytischen Perspektive knüpfen lassen. Der Begriff des Regionalen umfasst in dem Kontext sowohl Gemeinden als auch Kleinstädte, die sich insbesondere in ihrer sozialen Struktur, in ihrer Größe und Dichte von Großstädten unterscheiden, während sich gleichzeitig eine Urbanisierung ländlicher Gebiete beobachten lässt. Im Sinne von Arjun Appadurais et al. Area Studies (1997) werden Prozesse und Phänomene in verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs in den Blick genommen. „‚[A]reas’ need to be thought as processes, including researc processes, rather than as objective clusters of carthographic, material or cultural facts“ (ebd.: S.26). 

Im Fokus des Beitrags stehen dabei das Aushandeln und Übersetzen von Wissen als ein Komplex, der von der Digitalisierung (Glasfaserkabel, Startups in ländlichen Gebieten) über Fragen der Energiegewinnung (Solarenergie, Streit um Strommasten) bis hin zu Diskursen um Familienbilder (Diskussion um Gender, Versorgung mit KiTa-Plätzen) oder Geflüchtete (Identitäre beim Faschingsumzug) – und einer spezifischen Art und Weise wie diese vor allem in ländlichen Räumen geführt werden – reicht. An dieser Schnittstelle verbinden sich Utopien der Machbarkeit mit einer soziopolitischen Dimensionierung, Ein- und Ausschlüsse werden dabei ebenso praktisch erfahrbar wie Artikulationen einer postfaktischen Mediendebatte. Dieser Zuschnitt scheint gerade vor dem Hintergrund von Wahlergebnissen, die sich in Deutschland wie in Österreich, aber auch in Ägypten oder den USA oft signifikant nach Stadt und Umland unterscheiden, von Interesse. Über die Zukunft regionaler Welten wird zugleich die Zukunft von Gesellschaften in globalen Netzen verhandelt. Die alltägliche Relevanz oder auch Irrelevanz von Kontexten und Bedeutungsebenen lässt sich in konkreten empirischen Situationen nachvollziehen und erweitert damit auch eine akademische Betrachtungsweise, die mit der Setzung der Fragen oft einem städtischen Umfeld verhaftet ist, um den häufig auch irritierenderen Blick einer Kulturanalyse regionaler Wirklichkeiten.


„Living in a pastime paradise“: Das Versprechen als alltagskulturelle Vergegenwärtigung von (urbanen) Zukünften. 
Prof. Dr. Alexa Färber (Hamburg)

Zukunft wird auf ganz unterschiedliche Weise vergegenwärtigt, das deutet auch der Song von Stevie Wonder an, wenn er pastime mit past time gleich- und später mit future ersetzt (1976). Das Versprechen ist eine dieser alltagskulturellen Formen, die eine solche antizipierende Un-/Gleichzeitigkeit hervorbringt: ob als performativer Sprechakt, der Verbindlichkeit über ein zukünftiges Geschehen herstellt, oder als begehrenswerte Objektivierung, wie es die Kritik des Warenfetischismus impliziert. Wie wenig es dabei um die Verlässlichkeit von Versprechen geht, sondern um die Produktion eines ganz konkreten gegenwärtigen Zeit-Raums, der ganz unterschiedlich unter dem Eindruck versprochener Zukunft ausgestaltet wird, zeigen die politische Praxis des Wahlversprechens oder auch Infrastrukturprojekte (vgl. Abram/Weszkalnys 2013). 

Trotz des steigenden Interesse an Zukunft als kulturwissenschaftlichem Thema ( vgl. u.a. EASA biennale 2016 „Anthropological legacies and human futures“) erhält die Figur des Versprechens nur punktuell Aufmerksamkeit. Studien in den Literaturwissenschaften sind dabei für die empirisch kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung besonders inspirierend. So lässt sich einerseits die besonders lose Form der Verbindlichkeit von Versprechen als Sprechakt belegen (vgl. Schneider 2005), als auch ihre im Kapitalismus angelegte nahezu unausweichliche Bindungskraft als objektivierte Wünsche (vgl. Berlant 2011).

Aus Sicht einer empirisch-kulturwissenschaftlichen Stadt-/Forschung möchte ich deshalb in diesem Vortrag argumentieren, dass das Versprechen als Forschungsperspektive es ermöglicht, gerade der widersprüchlichen gesellschaftlichen Anziehungskraft von Städten nachzugehen und die Wirkmacht vergegenwärtigter Zukunft kritisch zu beleuchten. Dies werde ich anhand von drei empirischen Beispielen/Vignetten verdeutlichen und einen konzeptionellen Zugriff auf „urbane Zukünfte“ als Versprechen in der Stadt, Versprechen der Stadt und die versprechende Stadt vorschlagen. 

Literatur:

Abram, Simone/Wezkalnys, Gisa (2013): Elusive Promises. Planning in the Contemporary World. London.

Berlant, Lauren (2011): Cruel Optimism. Durham.

Schneider, Manfred (Hg.) (2005): Die Ordnung des Versprechens. Naturrecht – Institution – Sprechakt. Paderborn.

Wonder, Stevie (1976): Pastime paradise. Songs in the key of life.


Methodologie der Zukunft? Automatisierungspotentiale in der Analyse kulturwissenschaftlicher Forschungsdaten
Dr. Lina Franken (Hamburg)

Kulturanthropologische Forschungen kommen auf vielfältigen Wegen an ihr Quellenmaterial. Schon während der Erhebungsphase wird dabei oft deutlich, dass die erzeugte Datenmenge erheblich ist. Gerade bei diskursanalytischen Verfahren (vgl. Keller 2005; Eggmann 2013; Kiefl 2014) ist der Korpus oft umfangreich und komplex zugleich. Bevor die hermeneutische Analyse zu einem Forschungser­gebnis kommt, nimmt die Annotation - als Herausarbeiten von Bedeutungsebenen und Beziehungen sowie der Explizierung von Mehrdeutigkeiten in der Grounded Theory als Codierung bezeichnet (vgl. Glaser/Strauss 1967; aus Fachperspektive Götzö 2014, insb. S. 450f.) - einen großen Teil der wissen­schaftlichen Arbeit in Anspruch.

Angesichts steigender Textmengen und digitaler Textformate ist die Frage, inwieweit Annotationen zukünftig verstärkt automatisiert durchgeführt werden können. Ziel des Forschungsverbundes „Auto­matisierte Modellierung hermeneutischer Prozesse (hermA)“ ist es, bestehende interdisziplinäre For­schungsansätze zu befragen, zu erproben und zu reflektieren, um automatisierte Modellierungen von Annotationen in hermeneutischen Analysen zu spezifizieren (vgl. Koch 2015; Gaidys et al. 2017).

Die Perspektive der Nachfolgedisziplinen der Volkskunde ist dabei eine ganz spezifische: mit pluralen, akteurszentrierten Methoden arbeitet sie qualitativ-empirisch und bisher kaum mit automatisierten Verfahren. Einführungen (Sattler 2014) in computergestütztes Arbeiten bleiben wie für die qualitati­ve Sozialforschung allgemein (etwa Kelle 2012) auf einem eher technischen Niveau in der Beschrei­bung der hermeneutischen, wenn auch computergestützten Annotation, ohne die epistemologischen und methodologischen Auswirkungen der Technisierung dieses methodischen Vorgehens oder wei­tergehende Potentiale zu reflektieren.

Dem möchte der Beitrag am Beispiel des Diskurses um Akzeptanzproblematiken von Telemedizin nachgehen: Welche Möglichkeiten bestehen mit den zunehmend ausdifferenzierten Methoden der Automatisierung, um die Prozesse der Annotation effektiver zu gestalten, ohne vom kulturanthropo­logischen Forschungsparadigma abzulassen? Wie können qualitative Methoden mit ihrem abdukti­ven oder induktiven Vorgehen an die meist deduktiv genutzten Technologien und Praxen der Digital Humanities anschließen? Welche Automatisierungen sind denkbar, wo bleibt ein hermeneutisches Durchdringen als intellektuelle Arbeit unerlässlich? Reflektiert werden mögliche Ansätze, potentielle Weiterentwicklungen und deren Bedeutung für die methodologischen Grundlagen der zukünftigen Kulturanalyse im Digitalen.


Literatur:

Eggmann, Sabine: Diskursanalye. Möglichkeiten für eine volkskundlich-ethnologische Kulturwissenschaft. In: Hess, Sabine; Moser, Johannes; Schwertl, Maria (Hg.): Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin 2013, S. 55-77.

Gaidys, Uta; Gius, Evelyn; Jarchow, Margarete; Koch, Gertraud; Menzel, Wolfgang; Orth, Dominik; Zinsmeister, Heike: Project Descripition.HermA: Automated Modelling of Hermeneutic Processes. In: Hamburger Journal für Kulturanthropologie 7 (2017), S. 119-123.

Glaser, Barney G.; Strauss, Anselm L.: Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern 2010 [1967].

Götzö, Monika: Theoriebildung nach Grounded Theory. In: Bischoff, Christine; Oehme-Jüngling, Karoline; Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, S. 444-458.

Kelle, Udo: Computergestützte Analyse qualitativer Daten. In: Flick, Uwe; Kardorff, Ernst von; Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 9. Auflage Reinbek bei Hamburg 2012, S. 485-502.

Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. 3. Auflage Wiesbaden 2011 [2005].

Kiefl, Oliver: Diskursanalyse. In: Bischoff, Christine; Oehme-Jüngling, Karoline; Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, S. 431-443.

Koch, Gertraud: Kultur digital. Tradieren und Produzieren unter neuen Vorzeichen. In: Bolenz, Eckhard; Franken, Lina; Hänel, Dagmar (Hg.): Wenn das Erbe in die Wolke kommt. Digitalisierung und kulturelles Erbe. 1. Aufl. Essen 2015, S. 15-28.

Sattler, Simone: Computergestützte qualitative Datenbearbeitung. In: Bischoff, Christine; Oehme-Jüngling, Karoline; Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, S. 476-487.

 

Die Zukunft überleben – Prepper aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Dr. Julian Genner (Basel)

Preppen ist ein aus den USA kommender Trend (Mitchell 2004, Wojcik 1999), der sich v.a. in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Im Zentrum von Preppen (von „to prepare“) steht die Vorbereitung auf zukünftige Krisen. Mein Vortrag präsentiert Einblicke und Resultate meiner aktuellen Feldforschung. Die Imagination von krisenhaften Zukünften („Was wäre wenn?“) ist wesentlicher Bestandteil von Preppen. Beliebte Szenarien umfassen Blackouts, Pandemien, Terroranschläge, Bürgerkrieg oder Naturkatastrophen. Wiederkehrend ist dabei die Idee, dass bereits ein kleiner Zwischenfallausreicht, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die in einem völligen Zusammenbruch der Gesellschaft   münden könnte. Infrastrukturen, Institutionen und Menschlichkeit bilden in der Vorstellung von Preppern ein dünner Firnis, der jederzeit und plötzlich wegbrechen könnte („The world is only nine meals away from anarchy“). Die Materialisierung dieser Zukunftsvorstellungen   zeigt sich in umfangreichen Vorräten an Lebensmitteln, Wasser und anderen Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs für einen Zeitraum von drei Monaten und mehr. Damit wollen sich Prepper für den vorübergehenden oder dauerhaften Zusammenbruch  von Wasser-,  Strom- und Lebensmittelversorgung und womöglich auch  der staatlichen Ordnung wappnen. Zudem enthalten „Fluchtrucksäcke“ („Bug Out Bag“) das Nötigste für ein mehrtägiges Überleben draussen und stehen fertig gepackt bereit. Der Umgang mit dem Material wird trainiert, Flucht- und Krisenszenarien werden in Übungen durchgespielt. Ebenso tragen viele Prepper im Alltag stets ein „Every Day Carry“ mit Utensilien für den Ernstfall (Messer, Taschenlampe etc.) bei sich. Preppen ist ein Set von Praktiken, die sich auf eine krisenhafte Zukunft beziehen. Diese wird als etwas betrachtet, das über einen hereinbricht, weshalb man sich auf sie vorbereiten und sich gegen ihre Folgen immunisieren muss. Preppen wohnt daher ein gewisser Fatalismus gegenüber der Verlässlichkeit, aber auch gegenüber der Veränderbarkeit von Institutionen inne. Der Staat erscheint in den Zukunftserzählungen als unfähig oder unwillig, Krisen abzuwenden oder zu bewältigen. Preppen ist so anschlussfähig für politische Positionen, die dem Staat in seiner jetzigen Form odergrundsätzlich misstrauen (Verschwörungstheorien) oder ihn ablehnen (Rechtsextreme, Reichsbürger_innen). Die Innenministerkonferenz hat deswegen entschieden, die Prepper-Szene vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen. Preppen, so meine These, stellt eine kulturelle Verarbeitung von Globalisierung dar. Zwar können in parlamentarischen Demokratien die Bürger_innen auf das Geschick ihres Landes und damit auch auf ihr eigenes Einfluss nehmen, jedoch besitzen die Nationalstaaten immer weniger Möglichkeiten, auf globale Prozesse Einfluss zu nehmen (Elias 2003). Die Attraktivität von Preppen rührt vom damit verbundenen Versprechen her, wieder Herr des eigenen Schicksals werden zu können. Unabhängig vom zukünftigen Gang der Welt geht es darum, sich mit den eigenen Händen eine eigene Zukunft zu schaffen.

Literatur:

Elias, Norbert: Gesellschaft der Individuen. Frankfurt a.M. 2003 [1987].

Mitchell, Richard G. Jr.: Dancing at Armageddon. Survivalism and Chaos in Modern Times. Chicago 2004.

Wojcik, Daniel: The End of the World as We Know it. Faith, Fatalism and Apocaplypse in America. New York 1999.

 

„Wenn wir uns da nicht kümmern, dann stirbt das aus.“ Zukunftsperspektiven und Handlungspraktiken von Vereinen im ländlichen Rheinland. 
Andrea Graf, M.A. (Bonn) 

Im Jahr 2016 existierten in Deutschland mehr als 600.000 Vereine, 44 Prozent der Deutschen sind Mitglied in mindestens einem Verein. „Ein Vereinssterben gibt es nicht“, so konstatiert Holger Krim­mer, Geschäftsführer der Initiative Zivilgesellschaft in Zahlen des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft in einem Interview für das Museumsmagazin des HdG in Bonn. Zu den etwa 10.000 Streichungen aus dem Vereinsregister jährlich kommen bis zu 15.000 Neugründungen. Feststellbar ist hier jedoch ein Strukturwandel: War bisher der Großteil der Vereine im ländlichen Raum ansässig und kümmerte sich um Belange der Freizeitgestaltung z.B. Sport, Kultur, Brauchpflege oder Gesellig­keit sind die Neugründungen besonders im urbanen Raum zu finden. Die Vereinsziele stellen dabei häufiger gesellschaftliche und politische dar. Im Arbeitsalltag einer volkskundlichen Landesstelle hat man allerdings primär mit der ersten Art von Vereinen zu tun, die hier nach Unterstützung suchen: den lokalen Heimatvereinen, dem Junggesellenverein, den Bruderschaften aber auch den Privat­sammler_innen und Heimatforscher_innen. Und allen diesen Akteur_innen ist einesgemeinsam, sie messen ihren Aktivitäten hohe Bedeutung für das historische Bewusstsein unserer Gesellschaft sowie die regionale Identitätsbildung bei und möchten die Weitergabe der von ihnen bewahrten Traditio­nen, Brauchhandlungen oder Handwerkstechniken für die Zukunft gesichert wissen. Viele betreiben kleine Sammlungen, Privatarchive oder Museen und sehen sich angesichts schwindender Mitgliederzahlen mit einer unsicheren Nachfolgeregelung und damit negativen Zukunftsperspektiven konfrontiert. Die Akteur_innen entwickeln verschiedene Strategien mit dieser Situation umzugehen. Zukunft wird hier als möglicher Zustand/erwartete Zeit der Unsicherheit bezüglich der Sicherung des Wissens über die Vergangenheit adressiert und mit Begriffszuschreibungen um Verlust und drohendem Verschwinden emotional aufgeladen. In meinem Beitrag soll es um diese Strategien und Handlungsweisen der Zukunftsplanung und Wissenssicherung von Vereinen und Privatsammlern gehen. Diese bewegen sich in einem Handlungsraum, der von strikten Rekurs auf/oder Festhalten an traditionellen Vereinsordnungen über Strategien der Materialisierung und Dokumentation der Wissensbestände in Film, in digitalen Strukturen oder musealen Kontexten bis zur Weitergabe der Bestände an Archive und Museen reicht. Wo und mit welchen Strategien funktioniert eine Zukunftssicherung und weshalb nicht? Als Beispiele aus der Forschungspraxis werden Projekte über einen Junggesellenverein, der die lokalen Maibräuche vollzieht, eine Bruderschaft, die für ihre Tradition den Status des kulturellen Erbes verliehen bekam sowie einen Museumsverein, der über Musealisierungsstrategien Wissen und Traditionen für die Zukunft erhalten will,herangezogen. 
 

 

 

Antizipierender Vergleich. Zur zeitlichen Dimensionierung von Vergleichen am Beispiel von Handlungsorientierungen am Mittelmaß
Dr. Stefan Groth (Zürich)

Vergleiche als soziale Praxis haben mehrere zeitliche Dimensionen: Sie greifen auf vergangene Entwicklungen zurück, um gegenwärtige Zustände einordnen zu können; setzen Kennzahlen unterschiedlicher Zeitabschnitte in Beziehung, um Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu identifizieren; und vergleichen die Ausprägung unterschiedlicher Merkmale zu einem klar definiertem Zeitpunkt. Darüber hinaus haben Vergleiche eine prognostische Dimension, wenn Aussagen über zukünftige Entwicklungen aus ihnen abgeleitet oder Potentiale identifiziert werden. Wissenschaftshistorisch sind die Entwicklungsstufen des Evolutionismus ein Beispiel dafür, wie über den Vergleich verschiedener Kulturen Prognosen über zukünftige Entwicklungen getroffen werden; Längsschnittstudien sind gegenwärtig empirisches Vergleichsmittel, um Wandlungsprozesse nicht nur historisch zu fassen, sondern auch im Sinne von Trends potentielle zukünftige Verlaufsformen zu prognostizieren. 

Aber auch alltagskulturell ist Zukunft ein bestimmendes Merkmal von Vergleichen. Im Berufsleben dient der Vergleich mit den Erwerbsbiografien anderer auch dazu, die eigenen Karrierechancen oder die eigene finanzielle Situation im Alter einschätzen zu können. Der Vergleich mit besseren Athleten im Breitensport bleibt meist nicht bei der Feststellung des Leistungsunterschiedes stehen, sondern lotet Möglichkeiten aus, zukünftig selbst vergleichbare Leistungen zu erbringen. Bei diesen und weiteren Beispielen handelt es sich nicht um systematische, sondern um antizipierende Vergleiche, die Aussagen über künftige Entwicklungen auf Grundlage unsicherer und selektiver Daten treffen. Ausgehend von qualitativen Interviews aus einem Projekt über Handlungsorientierungen am Mittelmaß im Breitensport, im Berufsleben und im Wohnen argumentiert der Vortrag, dass diese Form des antizipierenden Vergleiches für den subjektiven Umgang mit Zukunft eine wesentliche Rolle spielt. Er zeigt auf, wie Vergleichsmassstäbe konstruiert werden, wann Vergleiche als legitim empfunden werden und wann nicht, wie über Zukunftsprognosen mit Unsicherheiten umgegangen wird und wie über die soziale Praxis des Vergleichens künftige Entwicklungen oder Zustände antizipiert werden. 


Nach der Zukunft streben: Technikkulturen als privilegierte Orte des Zukünftigen
Maximilian Jablonowski, M.A. (Zürich)

Über Zukünftiges nachzudenken ist mitunter lustvoll–es kann aber auch grosses Unbehagen bereiten. Tom Boellstorff bringt dieses Unbehagen auf den Punkt: „The problem with the future is that there is no way to research it.“ (2012: 56)

Diese Beobachtung ist unbestreitbar: Eine Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Zukunft ist unmöglich. Doch obwohl selbst gegenwärtige Diskurse Kultur immer noch stark über ihre Historizität konzipieren, ist Zukünftigkeit ein bedeutsamer Teil unserer Alltage. Arjun Appadurai weist in seinem Aufsatz The Capacity to Aspire (2004) auf die titelgebende Fähigkeit, etwas anzustreben, und deren grosse Bedeutung im Alltag von Menschen hin. Appadurai versteht das hoffnungs- und planvolle Imaginieren und Anstreben dessen, was noch nicht ist oder was sein soll, zwar als eine universelle menschliche Tätigkeit, dennoch sei sie eine soziale Praktik, die sehr ungleich zwischen verschiedenen Orten und sozialen Gruppen verteilt sei. Der ungleiche Zugang zu und Handlungsmacht durch Praktiken des Imaginierens zeigt sich keineswegs ausschliesslich, aber besonders prägnant an Visionen und  Visionären technologischer Innovation. Technikkulturen sind privilegierte und machtvolle Orte der Moderne, von denen aus über Zukünfte gesprochen wird und Zukünfte entworfen werden. Die Orte, Communities und Praktiken der Produktion und  Zirkulation von Technikdiskursen, zum Beispiel das Silicon Valley als ein zentraler mythischer Ort der Gegenwart, sind in ein wirkmächtiges  „Widerspruchsgeflecht  von Utopie und Physik“ (Scharfe  1993:  80) eingesponnen und imaginieren sich darin als Orte, an denen Physik und Utopie zunehmend ununterscheidbar werden. Indem sie versuchen, das Noch-nicht zu regieren, sind sie Agenturen des Zukünftigen par excellence. An ausgewählten Beispielen aus  meiner Forschung zu Imaginationen und Diskursen gegenwärtiger technologischer Innovationen, insbesondere zivilen Drohnen und anderen digitalen Technologien, werde ich in meinem Vortrag die gegenwärtigen Verstrickungen von Technikdiskursen mit Zukunftsdiskursen und deren Machteffekte illustrieren, um daran anschliessend eine konzeptionelle und theoretische Rahmung für eine empirisch-kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit soziotechnischen Zukünften zu skizzieren.


Von der Frankfurter Küche zum Zero Waste Home? Küchen der Zukunft, Zukunft in der Küche
Dr. Sandra Keßler (Mainz)

 Im Mikrokosmos unserer alltäglichen Wohn- und Lebenswelt gilt die Küche als Herz des Hauses, als soziales Zentrum und Kernstück der Wohnung, als Ort der Interaktion zwischen Familienmitgliedern, Mitbewohnern oder eingeladenen Gästen. Gleichzeitig ist der Küchen- oder Esstisch häufig der Platz, an dem moralische Wertvorstellungen vermittelt und innerfamiliär kommuniziert werden (Ehn, Löfgren  und  Wilk  2016, 46). Vor dem Hintergrund  ihres hohen Stellenwertes im Vergleich zu anderen Wohnräumen gilt die Küche auch als Ort, an dem die Modernisierung Einzug in die Privathaushalte erhalten hat und neue, teils zukunftsfähige Ideen generiert werden. In zeitgeschichtlicher Perspektive ist das Modell der Frankfurter Küche der 1920er-Jahre eine solche Küche damaliger Zukunftsvorstellungen und -erwartungen. Sie wurde nach den Entwürfen der Architekten Ernst May und Margarete Schütte-Lihotzky als ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus unter anderem im Stadtteil Römerstadt in Frankfurt am Main umgesetzt. Heute gilt ihre Ausstattung als zukunftsweisender Vorläufer und Prototyp der modernen Einbauküche. Ihre materielle Identität und Ausstattung stehen eng verknüpft mit Arbeitsabläufen der Haushaltsführung und vorherrschenden Rollenbildern, z.B. der Hausfrau und Mutter. Im Vortrag wird der Frankfurter Küche exemplarisch ein rezentes, zweites „Extrem“ zeitgenössischer Küchen gegenübergestellt und vergleichend analysiert: die Küche eines Zero Waste Homes, eines Haushaltes, der fast keinen Müll oder Überschuss produziert und auf seine pure Funktionalität reduziert zu sein scheint. Geprägt wurde dieser Wohn- und Konsumansatz durch die Ratgeberliteratur der französisch-US-amerikanischen Autorin Bea Johnson (2013). Der Vortrag hinterfragt die jeweils geltenden Leitgedanken zu Zukunftsvorstellungen der (Post-)Moderne zwischen Aufbruchsstimmung (Frankfurter Küche) und aktuellen Szenarien des Sicherns, Haushaltens und Sparens (Zero Waste Home-Ansatz). In beiden Fällen bildet die Küche das familiäre Zentrum der alltäglichen Versorgung, sie ist Dreh- und Angelpunkt der Nahrungsbeschaffung und -aufnahme. Auf einer sozialen und materiellen Ebene verbindet die Küche so das „Drinnen“ der Privathaus-halte mit dem „Draußen“ des Konsumangebots, was sich auch in den Leitgedanken ihrer Bewohner beim Lebensmitteleinkauf und der Essenszubereitung widerspiegelt. Inhaltlich schließt das Paper an mein im Wintersemester 2017/18 unterrichtetes Seminar „Kitchen Stories, Kitchen Histories. The Kitchen as Social and Material Space“ im Master- sowie Bachelorstudiengang des Fachs Kulturanthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an.

Literatur:

Ehn, Billy; Löfgren, Orvar und Wilk, Richard: Sharing a Meal. In: (Diesselben): Exploring Everyday Life. Strategies for Ethnography and Cultural Analysis. London: Rowman & Littlefield, 2016. 45–59. 

Johnson, Bea: Zero Waste Home. The Ultimate Guide to Simplify Your Life. UK: Penguin Books.


Flüchtige Blicke in die Zukunft. Oder: Zur Verhandlung von Zukunft durch Geflüchtete im Wandel ihres Aufenthaltsstatus
Jan Lange, M.A. (Tübingen) & Manuel Liebig, M.A. (Wien)

Geflüchtete stehen bis zur Entscheidung über ihre endgültige Bleibeperspektive durch staatliche Behörden vor einer unsicheren Zukunft. Die Frage, welchen Aufenthaltsstatus sie besitzen, steht dabei in direkten Zusammenhang mit ihren Spielräumen an der Gesellschaft zu partizipieren. Dennoch sind Geflüchtete nicht als steuerbare Objekte misszuverstehen. So weisen etwa jüngere Arbeiten der Rechtsanthropologie darauf hin, dass das Recht sowohl Kategorisierungssysteme als auch Handlungsräume für Subjekte hervor-bringt (Merry 2012). Geflüchtete erfahren den ihnen vom Rechtsregime zuerkannten Status nicht passiv, vielmehr ist ihre Auseinandersetzung mit diesem von agency geprägt (Ku-kovetz 2017). Der Vortrag widmet sich der Frage, wie Geflüchtete ihre Zukunft vor dem Hintergrund eines wechselnden Aufenthaltsstatus entwerfen. Konkret steht der Übergang von der temporären Duldung zur Ausreiseaufforderung im Fokus. Mit der Änderung im Aufenthalts-recht verschiebt sich die individuelle Verhandlung von Zukunftsvisionen und vorstellbaren sowie erwünschten Horizonten alltäglicher Lebensführung. Ausgehend von einer Diskussion rechtsanthropologischer Positionen zu subjektiven Aneignungsprozessen des Rechts wird sich mit folgenden Fragen auseinandergesetzt: Wie verändern sich die Vorstellungen von Zukunft im Zuge eines veränderten Aufenthaltsstatus? Wie wirkt sich die Abhängigkeit von staatlichen Entscheidungen in dieser besonderen Lebenssituation aus? Welche zukunftsweisenden Handlungsmöglichkeiten werden adressiert und wie werden kreative Praktiken mit rechtlichen Restriktionen ausgehandelt? Bei all diesen Fragen geht es explizit nicht um eine Offenlegung subversiver Akte und Überlegungen, sondern um die Formulierung von Handlungsperspektiven, Wünschen und Zukunftsentwürfen, die aus einem bestimmten Status heraus entwickelt werden. Mittels eines biographietheoretischen Zugangs (Hengartner/Schmidt-Lauber 2005) werden die Geflüchteten dabei als handlungsfähige Akteur_innen thematisiert. Das empirische Material basiert auf semistrukturierten Einzel- und Gruppeninterviews, die zwischen Sommer und Winter 2017 in Wien, Berlin und Tübingen geführt wurden. 

Literatur:

Hengartner, Thomas/Schmidt-Lauber, Brigitta (Hg.) (2005): Leben-Erzählen. Beiträge zur Erzähl- und Biographieforschung. Berlin: Reimer.

Kukovetz, Brigitta (2017): Irreguläre Leben. Handlungspraxen zwischen Abschiebung und Niederlassung. Bielelfeld: transcript.

Sally Engle Merry: Anthropology and Law. In: Richard Fardon u.a. (Hg.): The SAGE Hand-book of Social Anthropology. London 2012, S. 105-120.

 

Als die Zukunft alt aussah: Neue soziale Bewegungen, Heimatbewusstsein und Technikdystopien in einer Mittelstadt (Konstanz, 1970er-80er Jahre)
Dr. Johannes Müske (Zürich/Konstanz) 

Der Beitrag untersucht am Beispiel einer verhinderten Autobahn durch Konstanz die politisch-gesellschaftlichen Verhandlungen über die Zukunft der Stadt. Gefragt wird, wie ein Amalgam von neuem Heimatbewusstsein, Bildungsexpansion und ökologischen Ideen in einen alternativen Zukunftsentwurf für Konstanz mündete, der die bestehenden Planungen „alt aussehen“ ließ. 

 In den 1950er Jahren schien das Wachstum überall in Deutschland und Europa nach neuen Autobahnen und Verkehrswegen zu rufen, doch schon in den 1970ern wurden diese Pläne vielerorts ausgebremst. Auch in Konstanz stellte eine wachsende Protestbewegung die Frage nach der Zukunft. So wurde eine Autobahnplanung verhindert bzw. verkleinert. Die befürchteten Folgen politischer Entscheidungen wurden antizipiert und in kraftvolle Bilder übersetzt, in Konstanz etwa gab es plötzlich Illustrationen einer monströsen Autobahn in der Stadt. Die AkteurInnen stellten bestimmte Logiken des Kapitalismus infrage und boten alternativ einen Blick in die Zukunft eines besseren Lebens an, das zudem Ressourcen schonender sein sollte und ein sauberes und „nachhaltiges“ Wachstum verhieß, etwa im Bildungssektor und Tourismus. Die sogenannten neuen sozialen Bewegungen verfolgten dabei keineswegs nur soziale Ziele und waren auch politisch nicht unterrepräsentiert. Vielmehr, und dies soll im Zentrum des vorgeschlagenen Beitrags stehen, übersetzten bestimmte kulturelle Milieus – oft selbst in den Berufsfeldern der Bildungsexpansion tätig (Forschung und Dienstleistungen wie Werbung oder Tourismus) – ihre Ideen eines „guten Lebens“ in der Stadt in konkrete Projekte, die verschiedene politische Milieus ansprachen, da hier bürgerlicher Gestaltungswille, Heimatbewusstsein für Natur und Kultur und sozial-ökologischer Fortschritt gleichermaßen zusammentrafen. Auf der Grundlage von archivalischen Quellen und themenzentrierten Interviews mit Beteiligten arbeitet der Beitrag heraus, wie die Protestierenden die Zukunft adressierten, dabei dystopische Bilder entwarfen, aber auch wissenschaftliche Expertisen nutzten, um die möglichen Folgen einer Autobahn durch Konstanz abzuschätzen. – Wie kommt das Neue in die Welt? Die kulturwissenschaftliche Forschung kann zu der Frage den empirischen Befund besteuern, dass es immer schon da war, aber Bestehendes plötzlich überholt erscheinen lässt. 

Die Untersuchung basiert auf einem regionalgeschichtlichen Forschungsprojekt, das Teil des DFG-Netzwerks Wettbewerb und Konkurrenz ist.


„Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit.“ Über Denkfigu‐ren des Zukünftigen und den empirischen Zugriff auf Subjektivierungsprozesse
Martina Röthl, PhD (Kiel)

Die Arbeit an der (eigenen) Zukunft geht Hand in Hand mit der Arbeit am Selbst. Aus welchen alltäglichen Aushandlungsprozessen Zukunftsvorstellungen hervorgehen, wie Zukunft gedacht und „vorgestellt“ wird, interessiert aus europäisch‐ethnologischer/kulturanthropologischer Sicht also auch immer dann, wenn die adäquate Untersuchung von Subjektivierungsprozessen zur Debatte steht. Bei einem Vortrag in Bonn möchte ich daher Ergebnisse aus einem laufenden Forschungsprojekt präsentieren, das sich mit Subjektivierungspotenzialen feministischer und so genannter „antigenderistischer“ Diskurse beschäftigt. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse lässt sich zunächst dafür plädieren, die forschungspraktische Aufmerksamkeit stärker auf – von Sozial‐ und Kulturwissenschaften zum aktuellen Zeitpunkt als Desiderat verhandelte – Subjektivierungsweisen zu richten. Für das Thema der Tagung ist dies deshalb relevant, weil solche „tatsächlichen“ und somit auch empirisch nachweisbaren Subjektivierungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen mit imaginierter Zukunft und entsprechenden Denkfiguren korrespondieren, und sich dadurch auf einen beträchtlichen analytischen Mehrwert hinauskommen lässt. Aufzugreifen ist diesbezüglich, (1) dass sich gegenwärtige Alltagsmenschen als Subjekte verstehen, die an ihrem Vermögen gemessen werden, Zukünftiges vorhersehen, richtig einschätzen und letztlich auch Einfluss darauf nehmen zu können. Paradoxerweise sind auch (2) die sich an diesem Ideal orientierenden Selbstentwürfe aus Subjektsicht nur eventuell, in jedem Fall aber erst zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt real einzuholen. Heuristisch gilt es bei der Untersuchung konkreter Aneignungspraktiken daher zu berücksichtigen, (3) dass Einzelne das ermöglichende Potenzial von Subjektivierungsangeboten auf der Basis einer „erwarteten“ Zukunft bewerten bzw. bewerten müssen. Außerdem wird zur Sprache zu bringen sein, (4) dass es wohl seine Berechtigung hat, dass Subjekteffekte sowie Modi und Bedingungen der Aneignung als eng an individuelle und/oder übergeordnete Strategien gebunden verstanden und untersucht werden. Mitzudenken ist aber, dass jede strategische Praxis auf Zukünftiges gerichtet ist und „Strategie“ in diesem Sinne auch eine Denkfigur ist, die Begehren in die Zukunft projiziert und auf diese Weise Zeitlichkeit erzeugt. (5) In einem letzten Punkt wird auf den auf M. Foucaults „Strategischen Imperativ“ rekurrierenden Arbeitsbegriff der urgence hingewiesen. Dieser bietet sich einerseits an, subjektive und somit potenziell subjektivierende Einschätzungen des Zukünftigen (Zukunftserwartungen und Zukunftsängste) in den Blick zu nehmen. Andererseits ermöglicht er es, neben dem „Geworden‐Sein“, das eine historisch argumentierende Kulturwissenschaft ohnehin zu interessieren hat, eben auch dem „noch nicht Gewordenen (E. Bloch) analytische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.  


„Should I stay or should I go?“ Flüchtige Zukunftsperspektiven und multiple Verortungen im Leben rumänischer Saisonarbeitskräfte und ihrer Arbeitgebenden 
Judith Schmidt, M.A. (Mainz)

Politische und rechtliche Bestimmungen in Bezug auf Saisonarbeitskräfte sind so angelegt, dass sie flexibel auf einen Arbeitskräftebedarf in Deutschland reagieren können. Die Rekrutierung ausländischer Saisonarbeitskräfte und somit auch deren Regulierung ist kein neues Phänomen, sondern lässt sich historisch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und der Öffnung der osteuropäischen Grenzen entwickelte sich ein gut funktionierendes System zirkulärer Arbeitsmigration aus Polen, was durch die letzte EU-Osterweiterung und eine Verlagerung wirtschaftlicher Nöte durch einen hohen Anteil an rumänischen Arbeitskräften ergänzt wurde. Diese kommen, wenn sie benötigt werden, und gehen, wenn ihre saisonale Verwertung abgeschlossen ist. Ihr Arbeitsrhythmus gestaltet sich entlang der Jahresplanung ihrer deutschen Arbeitgebenden, die Verträge werden jedes Jahr neu geschlossen. Dennoch sind häufig beide Parteien, Arbeitgebende und Arbeitnehmende, an einer dauerhaften Beziehung interessiert. Für beide Seiten entsteht eine Dopplung der Perspektive: eine kurzfristige, unmittelbare Zukunftsperspektive und eine langfristige, ferne Zukunftsperspektive. Die häufig als Familienbetriebe geführten Unternehmen sind auf eine Wirtschaftsweise bedacht, die die Bewirtschaftung auch kommenden Generationen ermöglicht. Die zeitlichen Dimensionen Vergangenheit –Gegenwart –Zukunft spielen als Referenzrahmen der Aushandlungen über Mindestlohn und wirtschaftliche Kalkulationen eine wichtige Rolle in meinen Gesprächen mit Landwirten. In meinem Vortrag möchte ich auf das flüchtige Konzept von Zukunft eingehen und zeigen, welche Zukunftsperspektiven die Akteure im Feld der saisonalen Arbeitsmigration in der Landwirtschaft mitteilen und welche Strategien sie anwenden, um ein Ziel zu verfolgen. Der Anpassungsdruck in diesem Feld ist sehr hoch und es kommt zu immer neuen Aushandlungen über die Zukunft. Diese stellt sich hier nicht als eine feste Perspektive, sondern als sich stets wandelndes, sehr stark von äußeren politischen Einflüssen abhängiges Konstrukt dar. Am empirischen Beispiel möchte ich in meinem Vortrag Aushandlungen von Zukunft der einzelnen Beteiligten darstellen und durch unterschiedliche Perspektivierungen die Organisation innerhalb eines Feldes zeigen, für das sich Zukunft als ein sehr wandelbares Konstrukt darstellen muss. Die Frage nach dem Gehen oder Bleiben stellt sich meist nicht nur für die saisonalen Arbeitskräfte, sondern auch für ihre Arbeitgebenden, die jedes Jahr aufs Neue eine Bilanz für das kommende Jahr ziehen müssen.


Cibus ex Futura. Zukunftsbilder im Feld des Essens
Dr. Alexander Schwinghammer (Weimar)

Im Jahre 2050 steht die Erdbevölkerung vor der Aufgabe 10 Milliarden Menschen gesund und bezahlbar zu ernähren. Schwankende Lebensmittelpreise, Umweltveränderungen und  die wachsenden Bevölkerung machen deutlich, dass diesen Herausforderungen mit tiefgreifenden Veränderungen im Ernährungssektor begegnet werden muss. Die  Möglichkeitsräume einer anderen Esskultur beschäftigen nicht nur Zukunftsforscher , Politiker und Ökologen. Künstler, Designer und Entwickler schaffen neue Formen, Essen zu denken, herzustellen, zu essen und zu sehen. Auch in literarischen und filmischen Zukunftserzählungen taucht das Thema der Nahrungs-und Ernährungszukunft auf. Auch wenn es meist eher randständig behandelt wird, formiert es jedoch grundsätzliche Vorstellungen auch außerhalb der Erzählungen, wie Essen in der Zukunft aussehen kann. In   diesem Vortrag geht es darum, sich mit möglichen „Zukünften des Essens“ zu beschäftigen. Ausgehend von Feldforschungen im Bereich der Lebensmittelproduktion im Rahmen  des  Projekts »Food  Futures« werden sowohl ausgewählte ethnographische Aspekte aktueller  Nahrungsmittelzukunft als auch historische (wie z.B.  filmische) Beispiele in den Blick genommen. Dabei werden zum einen die kritische Auseinandersetzung mit der Konstruktion  von Zukunftsaussagen und zum anderen die Beschäftigung mit konkreten Produktions-, Präsentationsformen und Konsumptionsformen im Feld der kulturwissenschaftlichen  Essensforschung Gegenstand des Vortrags sein. Im Zentrum steht hierbei, wie sich Zukunft  im Feld der Ernährung in visuellen, diskursiven und materiellen Formen manifestiert. 


Nach der Haftentlassung. Zum Umgang mit Zukunft in Zeiten dauerhafter Liminalität
Dr. Barbara Sieferle (Freiburg)

Akteure und Akteurinnen, die aus dem Gefängnis entlassen werden, befinden sich zwischen zwei Welten in einem Zustand der Liminalität: Sie sind keine Gefangenen mehr und gehören damit nicht mehr der Lebenswelt Gefängnis an, genauso wenig sind sie jedoch Teil der Gesellschaft außerhalb des Gefängnisses. Die Zeit der Entlassung geht für ehemalige Gefangene mit Gefühlen der Unsicherheit, der Entfremdung gegenüber der Gesellschaft, sozialer Isolation und Überforderung einher. Einige Akteure und Akteurinnen verlassen diesen liminalen Zustand wieder; entweder durch (Re-)Integration in die soziale Welt außerhalb des Gefängnisses oder durch die Rückkehr in das Gefängnis. Für andere Akteure und Akteurinnen jedoch werden Liminalitätserfahrungen zu einem existenziellen Dauerzustand. Der Beitrag geht hieran anschließend der Frage nach, wie ehemalige Gefangene mit ihrer Zukunft im Dauerzustand der Liminalität umgehen. Wie imaginieren aus der Haft entlassene Akteure und Akteurinnen Zukunft vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Exklusion und Entfremdung gegenüber der Welt außerhalb des Gefängnisses? Wie gehen sie mit einer Zukunft um, die weder planbar noch vorhersehbar ist und für manche Akteure und Akteurinnen außerhalb ihres Erfahrungshorizontes liegt?

Der Beitrag stellt diese Fragen vor dem Hintergrund des ethnographisch ausgerichteten Forschungsprojektes über die Restabilisierung alltagskultureller Ordnungen nach der Haftentlassung. Auf Teilnehmender Beobachtung und informellen Gesprächen mit ehemaligen Gefangenen aufbauend werden verschiedene Umgangsweisen mit der Zukunft im Zustand der dauerhaften Liminalität analysiert.

 

„Kein Grund zum Panikieren“. Wie im Rahmen eines EU-geförderten Projekts den demographischen Zukunftsprognosen getrotzt wird
Sina Wohlgemuth, M.A. (Bonn)

„Im Jahr 2030 werden wir viel mehr 70-Jährige haben. Aber das ist kein Grund zum Panikieren!" Mit solchen Sätzen zum demographischen Wandel beginnen viele Vorträge und Reden in ländlichen Regionen. Statistiken zu Bevölkerungsprognosen werden herangezogen, um zu gegenwärtigem Handeln für die Prävention zukünftiger Szenarien der Bevölkerungsüberalterung oder Verödung zu motivieren. Als Handlungsgrundlage wird auf lokale Kapazitäten verwiesen wie dem nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Das EU-Strukturentwicklungsprogramm LEADER bietet für die Zukunftsbearbeitung einen Handlungsrahmen sowie Instrumentarien. Es richtet sich direkt an lokale AkteurInnen aus der Wirtschaft, Sozialeinrichtungen und Kommunen sowie an BürgerInnen, die mit Projektideen zur Entwicklung ihrer Regionen beitragen sollen. 

Ein Projekt, das sich im Rahmen des LEADER-Programms zur Aufgabe gemacht hat, den demographischen Wandel schon heute zu gestalten, ist die Generationengenossenschaft. Diese hat zum Ziel, frühzeitig verändernden Sozialstrukturen entgegenzuwirken, indem alltägliche Hilfeleistungen im Alter wie Rasenmähen oder Einkäufe in eine Ehrenamtsstruktur überführt werden. Dabei ist das Motto leitend: „Miteinander, füreinander.“ 

Auf Basis von teilnehmender Beobachtung und Interviews mit lokalen LEADER-AkteurInnen, ProjektträgerInnen und TeilnehmerInnen beschäftigt sich der Vortrag mit der Frage, wie die LEADER-Policy die Menschen befähigt, die Zukunft ihres Lebensumfelds zu gestalten. Welche zeitlichen Logiken ausgelöst durch Vorgaben des LEADER-Programms entfalten sich in dem Projekt, welche Praktiken wenden die AkteurInnen an, die Zukunft anzugehen und vor allem welche SprecherInnenpositionen befähigen, Zukunftsvorstellungen zu generieren und zu verbreiten, die handlungsleitend sind?  

Der Vortrag leistet einen Beitrag zur kulturanthropologischen Erforschung von Zukunftspraktiken (Reckwitz 2016), indem die Auswirkungen und Übersetzungen von Policy-Programmen als Rahmen für die Ausbildung von Gestaltungskompetenz zur Bearbeitung der Zukunft betrachtet werden.



 

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